Never too late

 Die Never too late-Story.

„Drums“ fragte ich, „wieso gerade Drums? Braucht’s dazu nicht eine Band?“ Michael und ich fuhren spätabends von einem Fest nach Hause. „Ich habe gerade damit angefangen. Soweit habe ich noch gar nicht gedacht, keine Ahnung, ob’s was wird.“ „Wenn du in einem halben Jahr immer noch auf die Trommeln haust – gründen wir dann eine Band?“, fragte ich mit zunehmender Begeisterung. „Warum nicht?“ „Für Rock `n`Roll würde nur noch ein Bassist fehlen – ich suche einen.“ Unterdessen waren wir bei seiner Bleibe angekommen. Wir verabschiedeten uns und warteten auf eine günstige Gelegenheit, unsere Band zu vervollständigen.

Never too late

Pietro war wie Michael schon über 30. Von ihm wusste ich, dass er während seiner Kantizeit immer wieder einmal aufgelegt hatte. Musik war eine grosse Leidenschaft von ihm, seine CD-Sammlung war gigantisch, sein Musikwissen unerreicht. Auch er hatte noch nie zuvor ein Instrument gespielt ausser vielleicht Flöte, zu der die Eltern ihre Kinder zu dieser Zeit gerne zwangen. Ich musste nicht lange von dem Bandprojekt sprechen – Pietro fing sofort Feuer. „Tolle Idee – ich mache mit!“ Noch bevor ich meinen Plan, ihn zu unserem Bassisten zu machen, in die Tat umsetzen konnte, sagte er spontan: „Ich spiele Keyboard.“ „Wäre als Einstieg nicht vielleicht Bass etwas Interessantes?“, versuchte ich ihn doch noch in die gewünschte Richtung zu manipulieren. „No way, Keyboard oder nichts!“ So hatte ich das nicht erwartet. Die Band wuchs, aber es fehlte immer noch der unverzichtbare Bass.

Mich selbst hatte das Musikmachen schon früher gepackt und das ging so: Mein Bruder wollte einen Puch (Töffli, Zweitakter und –gänger) zum Geburtstag, erhielt aber eine Gitarre. Er war stocksauer, meine Eltern auch und so erhielt ich die Gitarre kurzerhand in die Hand gedrückt. Ich begann mit CCR (erste Performance 5. Klasse Elternbesuchstag, Willy and the poor boys) und arbeitete mich zum Lagerfeuersänger empor. Als mich Diego eines Tages fragte, ob ich nicht in seine Band einsteigen wollte, zögerte ich zunächst ein wenig. Ich hatte noch nie eine richtige sprich elektrische Gitarre gespielt und wusste nicht, ob ich mir das zutrauen konnte. Aber mit 30 machst du dir noch weniger Sorgen als mit 50 und so sagte ich zu und begann wie wild zu üben. Das alles machte ungeheuren Spass. Keine Ahnung wie der Sound nach aussen wirkte (wir spielten kein Gigs) aber es fühlte sich so an, als ob ich mich mitten unter meine Helden Clapton, Blackmore, Gallagher et al. gereiht hätte. Leider hielt die Band nicht lange. Ich stand da, angesteckt mit einem bösen Fieber aber ohne Medizin. Aber das sollte sich ja nun, einige Jahre später ändern.

Ich koche gerne und lade auch gerne Leute ein. Ein paar Wochen hatten wir Diego (Sänger alte Band), Linda, Patrick und Nicole bei uns zu Gast. Wir schwelgten in Erinnerungen an unsere Bandzeit und Patrick meinte dazu beiläufig, dass er auch schon immer mal gerne ein Instrument gespielt hätte (Er kommt aus einer sehr musikalischen Familie und war da als Nicht-Musiker das schwarze Schaf.) „Mich hätte immer Gitarre gereizt, aber irgendwie waren meine Finger nicht schnell genug.“ Ihr erratet schon, was mir da durch den Kopf ging; etwas wie Gitarre, das aber relaxter, dafür mit Groove. „Wie wär’s mit Bass?“, packte ich den Stier bei den Hörnern. „Keine Ahnung, hab‘s noch nie probiert.“ Zu Hilfe kam Nicole: „Du wolltest doch schon immer ein Instrument spielen. Jetzt hast du sogar die Chance, das in einer Band zu tun. Sag einfach ja.“ „Wenn ich morgen für dich Lehrer und Bass habe, sagst du dann zu?“ Am nächsten Morgen, zwei Telefonate später hatte ich beides und wir hatten endlich unseren Bassisten.

Die Band war geboren! Wir vereinbarten, dass zunächst jeder sein Instrument ein halbes Jahr lang übt und wir dann zu einer Songauswahl zusammenkommen würden. Ein halbes Jahr später stimmten wir unsere Songvorlieben ab. Der gemeinsame Nenner war schnell gefunden. Immer dort wo sich klare Rhythmen, meist Rock oder Blues, mit interessanten Melodien paarten waren wir uns einig. Ja, jeder hatte andere Helden, aber sie passten recht gut zusammen. Wir wählten vier Songs aus, die wir ein weiteres halbes Jahr üben wollten, um uns dann zur ersten Probe zu treffen.

Da standen wir nun zum ersten Mal im Proberaum. „Und wie läuft das jetzt“, fragte Michael. Wir schauten uns etwas ratlos an. „Lass uns zuerst einmal einfach ein bisschen einjammen, sagen wir ein A-Blues“, schlug ich als der Erfahrenste der Unerfahrenen vor. Das was darauf folgte hörte sich ein bisschen freejazzig an. „Lass uns lieber mit den Songs beginnen, die wir geübt haben.“ Fazit nach der ersten Probe: Ein Jurist, ein Banker, ein Ökonomieprofessor und ein Unternehmensberater und ein ganz weiter Weg zu einem brauchbaren Sound.

Aber es wurde besser und besser. Auch dank Chrigi, der uns mit seiner Erfahrung und mit seinem klasse Gitarrenspiel eine Zeit lang begleitete und dabei massiv weiterbrachte. Und natürlich mit üben. Jeder von uns sparte sich die Zeit ab, so gut es eben ging.

Was ist das Erfolgsrezept, dass man dranbleibt: Spass – und Auftritte. Der erste war noch ganz zaghaft und auch nur vier Songs (das war auch genug ;-). Grössere Auftritte folgten und liessen uns Bühnenluft schnuppern. Vor allem aber zeigten sie uns, dass das Lampenfieber weder eine Frage des Alters, noch eine Frage des Berufs ist. Ein bisschen leiden scheint dazuzugehören. Die Energie, die du von einem gelungenen Gig erhältst, spürst du aber noch Tage danach!

So ein Fieber ist ansteckend. Aber kaum einen erwischt es so wie Marco. Marco und ich waren vor Jahren einmal zusammen an einen Bluesharp-Workshop gepilgert. Geblieben davon war eine Harp (die mussten wir damals kaufen) und der Wunsch, es doch irgendwann einmal zu lernen. Für Marco war dieses irgendwann jetzt! Und wie er begann: Nach nur kurzer Zeit schon waren Melodien zu erkennen, dann ein echter Groove und nur wenige Monate mauserte er sich zu einem regelrechten Harp-Crack. Logisch, dass wir ihn mit offenen Armen in unserer Band empfingen. Wir hatten nicht nur einen weiteren Freund im Boot, sondern auch einen neuen Sound im Gepäck. Chromatische und Bluesharp waren ihm aber nicht genug. Kurz darauf begann er auch noch Gitarre zu spielen, als wenn es die einfachste Sache der Welt wäre.

Mit ihm wurde die Band ein zweites Mal geboren. Es ist halt nie zu spät für Rockmusik. Und wenn du das übersetzt und die Story gelesen hast dann wird dir auch klar, wie unser Bandname entstand.

Vielleicht stutzt du nun, weil du aufmerksam gelesen und zusammengezählt hast. Michael, Pietro, Phil (das bin ich), Patrick, Marco macht zusammen 5 (Chrigi ist ja weitergezogen). Auf dem Foto im Startbild auf der Hauptseite siehst du aber nur noch 4. Was ist geschehen?

Musik machen kostet Zeit, die man als Amateur mit Job, Familie, sportlichem Ausgleich und anderen Hobbies nicht immer hat. Pietro verliess uns, weil das alles einfach nicht mehr unter einen Hut zu bringen war. Schade – und verständlich.

 

Never too late Mk II

In der Zwischenzeit hatte sich einiges getan. Wir hatten schon unsere ersten Kneipen-Gigs hinter uns, mit „echtem“ Publikum, d.h. nicht mit geladenen Gästen, die nicht fliehen durften. So machten wir Fortschritte in den Arrangements und waren dabei, so etwas wie den eigenen Sound zu finden. Ein Gig im Da Slàinte Inn, einem kleinen Irish Pub in unserer Homebase St. Gallen führte dazu, dass wir einige Irish Songs in unser Repertoire einbauten. Die Schweiz ist voll von tollen Coverbands, da musst du dir schon Gedanken machen, weshalb jemand gerade dir seine Bühne überlassen will. Bei uns – das finden wir zumindest – ist die Breite des Repertoires und der Abwechslungsreichtum sicher ein wichtiger Vorteil.

Ausserdem hatten wir mit Hilfe von Herrn We(r)ber diese Website gemacht und überlegten uns, wie wir die Social Media für uns nutzen konnten. Bei einem meiner LinkedIn-Ausflüge lachte mir das Bild eines alten Freund zu, den ich seit ca. 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich schickte ihm eine Kontaktanfrage, er akzeptierte, ich schrieb, er antwortete. Das wäre alles nicht der Rede wert, wenn er nicht am Schluss seiner Notiz noch beiläufig erwähnte, dass er wieder sein Keyboard ausgepackt hätte und fleissig übte: Strike! Mein nächster Schritt: „Keyboard? Lust auf eine Band? Check www.nevertoolate.ch.“ 2 Tage danach trafen wir uns in unserer alten Studentenkneipe und machten den Deal perfekt.

Urs musste nicht so lange warten auf seinen ersten Gig. Schon kurze Zeit danach rockten wir im Time Out, einer Musik-Bar in St. Gallen. Weitere Gigs folgten und folgen hoffentlich noch ganz lange:

It’s never too late to Rock ’n‘ Roll!